
Speziaal Centraal
Reisebericht aus dem November 2007, erschienen auf meinem Erstlingsblog:
„Hallo Oliver, ruf mal Frau van der R. von L.Shoes an und mach einen Termin.“
So geht’s meistens los, wenn es auf Reisen geht. L.Shoes ist in Antwerpen, nicht ganz alltäglich. Termin gemacht, Reise planen. Nach Belgien ist es nicht so einfach, die beste Zugverbindung zu finden. Über Köln gäbe es eine Verbindung, mit nur 2 Mal umsteigen, aber mit dem teuren Thalys. Teuer und vor allem gar nicht so angenehm zu fahren, das habe ich auf meiner letzten Fahrt nach Belgien feststellen müssen. Eng wie ein Flieger und stinkt. Über Holland geht es auch, insgesamt schneller, preislich günstiger und ich habe eine halbe Stunde Aufenthalt in Schiphol. Da gibt es Pommes Spezial. Verbindung ausdrucken und damit zum Bahnhof.
Bei Inlandsreisen gehe ich normalerweise direkt zum Zug und kaufe vorher die Fahrkarte im Automaten. Bahncard 50 macht’s möglich auf irgendwelche kniffligen Verbindungen mit Sparpreisen verzichten zu können. Purer Luxus, ich weiß, preisgünstig Bahnfahren ist heutzutage eine Wissenschaft für sich. Schade, Flexibilität ist doch gerade der große Vorteil der Bahn.
Nach Belgien jedenfalls kaufe ich meine Fahrkarte einen Tag vorher am Schalter.
„Über Schiphol habe ich leider keinen Preis.“
„?“
„Ich kann ihnen dafür keine Fahrkarte verkaufen.“
„?“
„Aber diese Verbindung geht: Umsteigen in Hamburg, Osnabrück, Deventer, Arnhem und Roosendaal.“
5 Mal umsteigen statt 3 Mal, 2 Minuten Übergangszeit in Deventer. Vermutlich dabei den Bahnsteig wechseln. Ne, ne, was haben Sie denn für Alternativen?
“Also, wenn Sie um 7:24 schon den Intercity nehmen, mit der Regionalbahn 8:19 haben Sie in Hamburg nur 8 Minuten zum Umsteigen, das empfehle ich Ihnen sowieso nicht, einmal quer durch den Bahnhof, …“
„?“
„Aber um 7:24 über Köln, Aachen, Lüttich und Brüssel, Moment: kostet 68 €.“
Eine Stunde eher los, eine halbe Stunde später dort, 10 € teurer, aber dafür habe ich wenigstens eine gültige Fahrkarte. Wie teuer wär es denn mit dem Thalys? Allein 40 € von Köln nach Brüssel. So, jetzt nehme ich doch die Verbindung mit 2 Minuten in Deventer. Da gibt es auch Pommes Speziaal. Ne, Moment, wie ist es um 9.24? Ach, auch über Köln. 20 Minuten später habe ich meine Fahrkarte in der Hand und Löcher im Rücken von den Blicken der Wartenden. Die Rückfahrt habe ich der Dame erklärt, aber nach 2 Minuten ohne Preis dankend abgewinkt. Ich vertraue auf die Kraft des Augenblicks. Dort am Fahrkartenschalter in Antwerpen, wenn ich die Rückfahrt antreten will. Ich will jetzt da hin. Die nächste mögliche Verbindung, bitte. Dann ist mir auch der Preis egal. Thalys, ja, bedankt.
Mittwoch, 8.15 Uhr, auf dem Weg zum Bahnhof Schwerin Mitte (Haltepunkt wäre angemessener). Die Regionalbahn hat nämlich noch einen entscheidenden Vorteil: sie hält in Mitte.
So, vorher mache ich aber noch was, ist vielleicht Quatsch, aber wer weiß.
„Liebes Universum, ich bestelle mir pünktliche Züge, sodass ich alle meine Anschlüsse bekomme.“
Hab ich schon mal gehört, dass das funktioniert. Das hat selbst Hape Kerkeling auf dem Jakobsweg praktiziert. Ich beginne den Abstieg der Treppen zum Bahnsteig in der sengenden Hitze des spanischen Sommers schneidend-feuchten Kälte des Mecklenburgischen Novembers.

Danke
Der Zug nach Hamburg ist mit 15 Minuten Verspätung ausgewiesen. „Empfehle ich Ihnen sowieso nicht, quer durch den Bahnhof“ war mein böses Orakel. Tja, ich erinnere mich, dass ich bei der ersten Sichtung der Zugverbindungen dachte, durch Holland mit Umsteigen, das wird spannend, Abenteuer. Das war so ein ganz unwillkürlicher Gedanke, Abenteuer. Ein erstes Bauchgefühl, bevor der Kopf Umsteigezeiten, Fahrkosten und Reisedauer analysiert hat. Abenteuer. Bu-hu! War es das was ich mir für heute gewünscht hatte und ist dieser spontane Wunsch größer, als der geäußerte nach einer komplikationsfreien Reise?
Das Abenteuer wird in Hamburg beginnen. Wie komme ich nach Deventerarnhemroosendaal und dann nach Antwerpen. Da wird keiner meine reuevolle Erkenntnis respektieren, dass der Thalys doch das heiligste aller Reisemittel ist und mir meine Fahrkarte umtauschen. So beratungsresistent, wie ich war.
Ich kaufe hier eine Dienstleistung, oder? Liebe Bahn, bringe mich am Mittwoch zwischen 8:22 Uhr und 17.22 Uhr nach Antwerpen. Da Geld. Wenn jetzt irgend ein Signal zwischen Bützow und Blankenberg bereits 40 Minuten vor Antritt meiner Reise Anschlüsse vereitelt, dann trifft mich wahrlich keine Schuld. Dann übergebe ich mich pünktlich am Bahnhof und erwarte mit fügenden Händen schnellstmöglich an mein Ziel gefahren zu werden. Und wenn man mich in Köln dem Thalys überreicht. Ich schimpfe auch nicht, wenn ich eine halbe Stunde später an meinem Ziel bin, ein technischer Schaden kann vorkommen. Aber ich möchte auf keinen Fall hören: “Ätsch, über Deventer gibt es erst 2 Stunden später eine Verbindung. Pech gehabt!” oder viel, viel Geld zahlen. Abenteuer reicht einfach mal, jetzt bist Du dran, liebe Bahn!
Die Regionalbahn kommt mit 12 Minuten Verspätung in Mitte an. Ungewöhnlich. Meist kommt ein Zug, der mit 15 Minuten Verspätung angemeldet ist 18 Minuten zu spät. Und verliert auf der Fahrt nach Hamburg wegen Streckenüberfüllung und entgegenkommenden ICEs weitere 12 Minuten. Ich erinnere mich an meine letzte Reise mit dem 8:22 Uhr und dem gleichen Übergang. Hat nicht geklappt. Der IC hat in Hamburg keine 2 Minuten gewartet!
„Unser Zug hat derzeit noch 8 Minuten Verspätung,“ was? sollte etwa? Wie durch ein Wunder erreichen wir Hamburg mit nur 5 Minuten Verspätung. Ich flitze und steige in meinen IC nach Osnabrück. Danke, liebes Universum!
Osnabrück erreichen wir pünktlich um halb 12. Ich habe etwas Zeit, ein Käsebrötchen, einen Milchkaffee zum mitnehmen und einen Tagesspiegel zu kaufen.
Osnabrück ist ein Eisenbahnknotenpunkt. Auf der oberen Bahnhofsebene fahren die Züge nach Süden und nach Norden, auf der unteren nach Osten und Westen. Abbiegen ist nicht. Mein Zug kommt aus Osten, aus Stettin. Das war mal meine Linie hier, Amsterdam – Berlin. 10 Monate die Achse zwischen zwei Heimaten. Ich will heute aber nur bis nach Deventer, 2 Minuten, das nächste böse Orakel.
Der Zug ist pünktlich, läuft doch alles. Rucksacktouristen, die nach Amsterdam wollen. Im November. Brrrhh! Coffeeshop ist warm, dann ist die Außentemperatur wohl egal. Mir nicht. Schnell in den Zug. Meine genüssliche Zeitungslektüre wird kurz vor Bad Bentheim durch eine Lautsprecherdurchsage unterbrochen, Unfall, Strecke gesperrt, Busersatzverkehr. Schlagartig erscheint mir meine knappe Umsteigezeit als Luxusproblem. Mir fällt ein Bibelspruch ein. „Sieh die Vögel, sie kümmern sich nicht um Fahrpläne und der Herr führt sie doch ans Ziel.“
Ersatzverkehr. Sie sagte, glaube ich Schienenersatzverkehr. Ist doch quatsch. Es werden weder Schienen ersetzt, noch ersetzen die Schienen etwas. Wenn schon dann Schienenverkehrersatz, das wäre richtig, weil für den Schienenverkehr kommt gleich Ersatz. Hoffentlich. Das kann aber alles sein. Also trifft Busersatzverkehr das, was gleich kommt viel besser. Busse fahren als Ersatz für das, was ich eigentlich wollte. Nämlich mit dem Zug fahren. Vielleicht gibt es auch Handersatzverkehr. Das wäre eher Handverkehrsersatz, aber das wäre jetzt ein anderes Thema.
Es dauert sogar nur eine halbe Stunde bis zwei weiße Reisebusse uns alle am Bahnhofsvorplatz von Bad Bentheim abholen. Wir passen sogar in einen. Ein ganzer Intercity passt in einen Reisebus. Wer hätte das gedacht. Über die Autobahn gehts ins niederländische Hengelo. Alle Mitreisenden sind erstaunlich ruhig. Kaum jemand schimpft oder will Geld zurück haben, Entschädigung. Kaum jemand telefoniert wild. Wir sind eine ergebene Schicksalsgemeinschaft.
Ob sich denn jemand in Hengelo auskenne und den Weg zum Bahnhof weiß, fragt der Fahrer. Zaghaftes Gelächter im Bus. Dann verunsicherte Stille. Wir machen eine dreiviertel Runde um die Innenstadt. Der Fahrer bekommt sogar Applaus, als er eindlich einen reisebusgroßen Parkplatz am Bahnhof gefunden hat. Erleichterung.
So, wie geht es jetzt weiter? Ah, Gleis 2 nach Amersfoort und dort nach Rotterdam. 10 Minuten Zeit. Käsesnack aus dem Imbissglasfach und eine Vrij Nederland als Lektüre. Lakritz gibt es am Imbiss. Meine ersten Wünsche werden erfüllt. In Amersfoort hüpfe ich nur über den Bahnsteig und es geht sofort weiter. Durch das platte Land. Wassergraben, Kühe, Wassergraben, Schafe, Bauernhof, Windmühle, Kanal, Reiher, Möwen hinter einem pflügenden Traktor. Autobahnen parallel zur Bahn. Mensch sind wir schnell. Die Wolkenkrater der holländischen Finanzmetropole erscheinen. Der Intercity nach Antwerpen fährt stündlich, da warte ich jetzt und hole mir meine Pommes Spezial.

Pech gehabt: Rotterdam Centraal
50 Minuten Aufenthalt in Rotterdam. Egal. Gleich rauscht zwar auch ein Zug nach Antwerpen, aber den boykottiere ich, der heißt nämlich Thalys. Kostet wahrscheinlich einen horrenden Zuschlag. Auf die Mitleidstour, Streckensperrung etc. verzichte ich. Ich nennen die europäischen Bahngesellschaften allesamt unmenschliche, technokratische Behörden und fühle mich moralisch überlegen. Ich sollte mal zum Bahnreformer der EU ernannt werden, dann, ja, dann, …
Ich suche also eine Snackbar, da, Pommes Speziaal, ja! Einen Pommes an einer saucenfreien Stelle aus der Mayonnaise fischen, in den Curryketchup tunken, fünf Zwiebelstückchen mit aufgabeln und … ah! Overheerlijk! sagt der Holländer. Beim ersten Pommes traue ich meinem Blick auf die Zuganzeige kaum: IC nach Brüssel: 30 Minuten Verspätung. Sollte abfahren 16:25, jetzt ist es 16:45. Kein Thalys, mit meiner Fahrkarte völlig legal zu gebrauchen. Grins. Das wäre genau der Zug, den ich in Schiphol hätte bekommen sollen. Und ich habe noch satte 10 Minuten Zeit.
Tja, Frau Fahrkartenfachberaterin in Schwerin. Du konntest mir keine Fahrkarte für diesen Zug verkaufen, jetzt fahre ich trotzdem damit. Bin zwar die Verspätungszeit, inzwischen 45 Minuten, später da, aber darauf kommt es mir jetzt nicht mehr an. Abenteuer! Wollte ich doch.

Catedral de Santiago de Antwerpo Centralo
Antwerpen erreiche um 18:10, 10 Stunden, nachdem ich meine Wohnung in Schwerin verlassen habe. Beim abendlichen Spaziergang durch die wunderschöne flämische Metropole fühle ich mich wie Hape Kerkeling beim Anblick der Kathedrale von Santiago de Compostela.
Danke, liebes Universum.
___________
✬ ✬ ✬ Gefühlszustand: in guten Händen




[...] Text steht mit hübschen Bildern dabei auch auf meinem Blog. Ich erlaube mir einfach mal, den Beitrag hier lediglich zu verlinken. No TweetBacks yet. (Be the first to Tweet this [...]