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Sprachspiele: König Ickig

Herz König

Oh, Könich, mein Könich

Ich war 19 und ich stand erstmals in meinem Leben auf einer Theaterbühne. Es war nur die Probebühne, zu großen Auftritten reichte es damals noch nicht. Dennoch wog alles schwer, alles hatte eine Bedeutung, jedes Wort, jede Geste. Ich setzte alles mit Bedacht. Zu viel Bedacht, das wurde mir schnell klar.

Ich erhob also das Wort: „Oh, König …“ sagte ich. Und natürlich sagte ich, da ich auf einer Bühne stand und alles Bedeutung  hatte oh Kö-nig,  eher noch oh Könick! Mit hartem Ausklang. Wenn ich gerade mal nicht auf einer  Bühne stand, sagte ich natürlich „Könich“, denn ich komme aus Westfalen. Da sagt man sowieso häufiger „-ch“, als  der Bundesdurchschnitt. Da reechnet es schon mal von oben oder man besteigt einen Berch. Und Herr Majestät heißt Könich. Dass das auch die richtige hochdeutsche Aussprache ist, habe ich in der exponierten Bühensituation offenbar vergessen.

Zum Glück war eine Ensemblekollegin zu der Zeit bereits sprachlich geschulter als ich und sagte mir, dass die Aussprache Könich richtiges Bühnendeutsch, also gutes Hochdeutsch ist. Anders natürlich als „es reechnet“ oder Dühsburch.

Als ich zum Studium Westfalen verließ, wurde mir meine Westfälische Aussprache noch bewusster und ich erlangte eine beinahe neutrale Aussprache. Ich wohnte in Berlin-Schöneberg. Also „…-berk“!

Herzlig willkommen im IC 22

Ungefähr vor 10 Jahren hat ausgerechnet die Deutsche Bahn mich mit diesem Thema wieder konfrontiert.

„Wir erreichen Dortmund Hauptbahnhof um siebzehn Uhr dreiunddreißick auf Gleis dreiundzwanzick, dort haben Sie Anschluss zum IC fünfundvierzick …“

Es kräuselten sich mir die Fingernägel. Selbst die englischsprachige Durchsage „ßänk for trewelling .. „ war eine Erlösung! Das heißt schon was!

Diese -ick-Endung schienen sich von einem Tag auf den anderen in die Durchsagen eingeschlichen zu haben. Gab es eine Direktive der Bahnzentrale? Ich vermute eine ganz allgemeine Schulung, die die Aussprache selbst nicht zum Thema hatte, denn sonst wäre sie wohl korrekt geschult worden. Der Fokus der Schulung bewirkte aber, dass die Situation ‚Ich mach eine Duchsage‘ ofizieller und gewichtiger wurde. Ähnlich, wie damals für mich die Bühensituation. Die Folge: Jetzt mache ich es aber richtick!

Mia san mia – Folklore darf das

Ausdrücklich nehme ich hier Zugpersonal aus, die ihr Regionalkolorit in die Durchsage einbringen. Denn zünftick-bayerisch heißt es nunmal zwoazwanzick.

Anders jedoch die sächsische IC-Chefin, die mich in Leipzick begüßte. Nein, nein, nein. Ausgerechnet. Gern wäre ich in Leipzich, Leipzisch, liebend gern auch Leipzsch eingerollt, doch Leipzick. Fingenägelbiegen! Ich nahm mir ein Herz und sprach die Schaffnerin an. Ob sie denn außerhalb von offiziellen Durchsagen nicht ganz normal Leipzig sage, also richtig mit -ich.

Ein Passant hörte es und nahm die Dame in Schutz. Er fände es gut, wenn der regionale Charakter zum Ausdruck kommt und was ich denn habe. Es blieb keine Zeit zur Diskussion, Aussteigen, Umsteigen, Weiterfahren.

Hä? Moment mal. Hatte ich das richtig verstanden? Wie sollte ich gegen solche Ignoranz auch in fünf Sekunden klar machen, dass es mir genau auf den regionalen Charakter ankam und wenn nicht um den, dann die Vermeidung der stocksteifen Überkorrektur aus dem Ansinnen, es richtig machen zu wollen.

Die reine Wahrheit in den Fernsehnachrichten

Mein Gradmesser war immer die Tagesschau. Würde ich einmal in die Situation kommen, argumentieren zu müssen, was denn nun richtig sein, wollte ich die Tagesschau als meinen Fürsprecher anführen. „Haben Sie etwa schon mal in den Nachrichten Könick Carl-Gustav von Schweden gehört?“ Ein Totschlagargument, so lange bis ich es tatsächlich auch dort einmal vernommen habe.  Mein persönlicher Untergang des Abendlandes!

Ich habe seit einige Wochen einen neuen Arbeitskollegen, der alles „richtick“ findet. Wie sage ich es ihm?

Und was sagt die Gesellschaft für deutsche Sprache zu diesem Thema?

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